Schwarzer Holunder (Sambucus nigra)

 

Haben Sie es geschafft, die Beeren des Schwarzen Holunders zu ernten? Dann haben Sie mir etwas voraus. Trotz guter Absicht ist es mir nicht gelungen. Die kleinen Früchte trockneten ein und fielen teilweise ab. Saftige Beeren gab es nur vereinzelt, jedenfalls in unserem Garten.

Menschen sollten die Früchte nur nach Erhitzung verzehren, da der Inhaltsstoff Sambunigrin Blausäure absondert. Für unsere gefiederten Freunde sind sie im reifen Zustand auch roh bekömmlich. Nach der Vogelbeere ist der Holunder wichtigster fruchttragender Strauch und hat damit eine hohe ökologische Bedeutung. Den zahlreichen Singvogelarten, die ihn aufsuchen, fällt die Ernte ohnehin leichter. Denn der unerhört wuchsfreudige Hollerbusch - auch Fliederbeerbusch genannt - reckt sich gerne mehrere Meter in die Höhe.

Zahlreiche gute und böse Mythen ranken sich um diese geheimnisvolle, allgegenwärtige und anspruchslose Pflanze. Einen Hofholunder als universelle Hausapotheke gab es früher in jedem Garten. Nach Ansicht der Germanen wohnte die mächtige Göttin Holla, die Holde (bzw. „Frau Holle“) in dem Strauch. Verhalf sie der Pflanze zu ihrem Namen? Sie wachte über Gesundheit, Liebe und Fruchtbarkeit, hatte aber ebenso Verbindung zur Unterwelt und konnte böse Krankheiten dorthin „entsorgen“. Daher durfte der Strauch oder Baum keinesfalls gefällt werden.

Allerdings wurde der Holunder mit der Christianisierung zum „Baum des Teufels“ erklärt. Es gab sogar die Befürchtung, dass Hexen sich in einen Holunderzweig verwandeln können. Aus diesem Grund verzichtete man auf Holunderholz im Haus.

Die Frage nach der Pflanzengattung machte der Holunder auch zu einem gut gehüteten Geheimnis. Mittlerweile wurde er als Moschuskrautgewächs eingeordnet. Mit seinen gefiederten Blättern und den unebenen Ästen ist er zwar keine Schönheit, bietet aber in der Vegetationszeit gute Verstecke und Nistplätze für Singvögel. Die markhaltigen Stängel eignen sich zum Flötenbau. Gesundheitsfördernde Eigenschaften werden sowohl seinen schweißtreibenden Blüten, als auch dem vitaminhaltigen und immunstärkenden Saft der Beeren zugeschrieben.

In Teig getunkte und in Fett ausgebackene Blüten, sind als „Hollerküchle“ in einigen Gegenden eine leckere Tradition. Die weiß-gelblichen, in Schirmrispen angeordneten Blüten bieten den Bienen und anderen Insekten eine sichere Nahrungsquelle und verhelfen dem ansonsten unscheinbaren Gewächs zu wahrer Schönheit.

Im Münsterland hat die alkoholische Anwendung ihre Freunde: Bei einer Einladung auf die  Billerbecker Beerlage hatte ich das Glück, köstlichen Hugo serviert zu bekommen - aus selbstgemachtem Holunderblütensirup. Wie praktisch es doch ist, dass man dieselbe Pflanze zweimal im Jahr auf unterschiedliche Art ernten kann. So ist für jeden Geschmack etwas dabei. Blütensirup hat übrigens einen weiteren Vorteil: Man muss nicht fürchten, dass zu spät entdeckte Saftspritzer farbige Andenken in der Küche hinterlassen. Die in den Beeren enthaltenen Pflanzenfarbstoffe Anthocyane sind nämlich so stark, dass man damit sogar Ostereier färben kann - nun, das würde ich wirklich gerne einmal ausprobieren! Ob es gelingt, einige schrumpelige Beeren bis Ostern einzufrieren und dann mit den Eiern mitzukochen? Die Aussicht auf zart violettblaue Eier ist verlockend. Ich werde gleich in den Garten gehen und einen Gefrierbeutel mitnehmen.

Und mit etwas Glück sehe ich sie huschen: Holla, die Waldfee!

 

Ineke Webermann, Ottmarsbocholt

 

 Zeigerpflanze des Phänologischen Kalenders

 

Der Schwarze Holunder ist eine wichtige Zeigerpflanze: Im Phänologischen Kalenders des Deutschen Wetterdienstes werden Naturerscheinungen deutschlandweit genau erfasst und ihre Eintrittstermine entsprechenden Jahreszeiten zugeordnet. Die Blüte des Holunders kennzeichnet den Frühsommer während die Fruchtreife den Frühherbst einläutet. Die Jahreszeiten des Phänologischen Kalenders können sich in jedem Jahr verschieben. Diese spannenden Daten werden fortlaufend vom Deutschen Wetterdienst Im Internet veröffentlicht und geben unter Umständen Hinweise auf den Klimawandel.