Huflattich (Tussilago farfara)

 

Kalter Wind schneidet mir ins Gesicht. Der bedeckte Himmel lässt nicht erahnen, dass sie sich hinter dem Dunst versteckt: Die Februarsonne, nach der ich mich so sehr sehne. Mit ihr erwacht die Natur aus der Winterruhe, die Vögel stimmen ihre schönsten Melodien an und aus dem kargen Boden kommen ungeahnte Schönheiten hervor. Eine der ersten Kostbarkeiten sieht sogar selbst aus wie eine kleine Sonne, vom Kind gemalt und im Übereifer mit unzähligen Strahlen versehen. Ahnen Sie, worum es geht? Sehnen auch Sie den Huflattich als Lichtboten im Vorfrühling herbei?

 

Zuerst sind die geschlossenen Blütenköpfchen zu sehen, die aus offenen, trockenen und warmen Bodenstellen auf schuppig aussehenden Stängeln empor sprießen. Und dann, mit Einsetzen des Sonnenscheins, fangen sie an zu strahlen und sparen nicht an ihrer leuchtend gelben Farbe. Oft gruppieren sie sich zu mehreren und bilden einen kleinen Teppich. Dafür nutzt die Pflanze bis zu zwei Meter lange Wurzelausläufer. Man zählt sie zur Familie der Korbblütler. In ihrem Innern findet sich ein milchiger Pflanzensaft. Seinen Namen verdankt der Huflattich der Form seiner Blätter – diese erinnern an den Abdruck eines Pferdehufes. An der Unterseite weich behaart, dienen sie mitunter naturverbundenen Wanderern in misslicher Lage als Toilettenpapier-Ersatz. Allerdings sind sie erst im April oder Mai voll entwickelt. Bis dahin hat die Pflanze längst ihren Samenstand ausgebildet und sieht aus, als würden elektrisch aufgeladene weiße Haare zu allen Seiten des ehemaligen Blütenköpfchens abstehen. Bald machen sich die flugfähigen Samen auf ihre Reise, um neue offene Bodenstellen zu besiedeln. Die anspruchslose Pflanze bevorzugt lehmigen Boden oder Ödland, sie kann sogar auf Braunkohle wachsen. Nach Straßenbauarbeiten sieht man sie an Randstreifen als Pionierpflanze und selbst steile Böschungen scheut sie nicht. Wenig konkurrenzstark, unterliegt sie auf längere Sicht jedoch nachfolgendem, üppigen Aufwuchs anderer Pflanzenarten.

Nach keltischer Mythologie entsprang der Huflattich dort der Erde, wo die Pferdegöttin Epona mit ihren Hufen den Boden berührte. Seit der Antike war die reizlindernde Wirkung des Huflattichs  bei Atemwegsbeschwerden bekannt. Das lateinische Wort „Tussis“ bedeutet nichts anderes als Husten.  Ironischerweise wurde Huflattich zu diesem Zweck nicht nur als Sirup oder Aufguss angewandt,  sondern auch geraucht. Zudem soll sich Huflattich bei Hauterkrankungen und Entzündungen bewährt haben. Heute wird von einer innerlichen Anwendung abgeraten, weil Analysen ergeben haben, dass nicht alle Inhaltsstoffe unbedenklich sind. Zu Arzneizwecken wird eine Züchtung angeboten, die bekömmlicher ist.

 

Täglich halte ich beim Hundespaziergang in Ottmarsbocholt Ausschau nach dem Huflattich. Wenn ich die Blütenköpfchen sehe, bin ich meist des Winters überdrüssig und warte sehnlich  darauf, dass die Frühlingssonne mein Gesicht erwärmt. Erste Insekten besuchen dann die auffälligen Blüten. Und ich freue mich wie ein Kind über die schön gemalte, gelb leuchtende Sonne - ein kleines Kunstwerk der Natur!

 

Ineke Webermann