Klette ( Arctium lappa)

 

Gleich unter unserem Quittenbaum hatte sich im Frühling eine gigantische Pflanze entwickelt, mit imposanten herzförmigen, auf der Unterseite stark behaarten Blättern. Die kugelförmigen, purpurfarbenen Blüten, die sich im Sommer aus den auf verzweigten hohen Stängel sitzenden Blütenständen entwickelten, erinnerten mich an Disteln. Diese Pflanze war mir noch nie begegnet, dachte ich. Der Blick ins Bestimmungsbuch ließ dann schnell unangenehme Erinnerungen wach werden. Die Früchte dieser Pflanze waren es, die mir meine größeren Brüder gern in meine langen Haare geworfen hatten. Sie ahnen es – es handelt sich um eine große Klette.

 

Die zweijährige Pflanze stammt ursprünglich aus Sibirien. Heute wachsen mehrere Arten in ganz Europa. Als Lehm liebende Pflanze des Auwaldes, hat sie sich im Schatten unseres großen Quittenbaumes ein perfektes Zuhause gesucht. Viele Menschen sehen sie heute nur als störendes Unkraut. Unsere Vorfahren sahen in ihr eine wichtige Heil- und auch Nutzpflanze. Sowohl die Blätter als auch die oft bis zu einem Meter lange Pfahlwurzel enthalten viele Vitamine und Mineralien. Die ganze Pflanze wirkt Schweiß als auch Harn treibend und  besondere Stoffe aus der Wurzel, die Polyine, wirken antibakteriell und fungizid. So hatte man schon im Mittelalter ein Antibiotikum zur Hand, um gegen Akne und andere eitrige Hauterkrankungen vorzugehen. Ein Teeaufguss der jungen Blätter half bei Blasenentzündung und Nierenerkrankungen. Ob es jedoch wirklich klappt, dass das Klettenwurzelöl das Haarwachstum anregt, weshalb man dies bis in die heutige Zeit in Drogerien kaufen kann? - Das gilt es auszuprobieren....

 

Nicht nur im Mittelalter sondern auch heute noch wird die Klette im asiatischen Raum, vor allem in Japan, industriell angebaut. Die kräftig nussig schmeckende Wurzel wird oft und in verschiedenen Arten zubereitet und zählt dort zum beliebtesten Wurzelgemüse. Sie erinnert vom Geschmack her ein wenig an die entfernt mit ihnen verwandte Schwarzwurzel.

 

In Frankreich heißen die Kletten „bouton de soldat“, also Soldatenknopf, da die Soldaten mit den Blütenköpfen die Uniformjacken zuhielten, sollten ihnen die Knöpfe in der Schlacht abhanden gekommen sein. Damit waren sie der Entwicklung des Klettverschlusses schon auf der Spur, ohne es zu wissen. Der Schweizer Ingenieur George de Mestral, der mit seinen Hunden oft in der Natur spazieren ging, legte die sich im Hundefell verfangenen Klettfrüchte in der Mitte des letzten Jahrhunderts einmal unter das Mikroskop und entdeckte, dass es die elastischen Häckchen der Samenfrüchte sind, die sich im Fell der Tiere oder in unserer Kleidung verfangen. So sorgt die Pflanze dafür, weiter verbreitet zu werden. Mestral bekam daraufhin die Idee, so zwei Materialien reversibel zu verbinden und entwickelte den Klettverschluss. Elastische Häkchen verbinden sich mit verschlungenem Untermaterial. Seither ist der praktische Klettverschluss aus unserem Leben kaum noch wegzudenken.

 

 

Ich werde allerdings nicht darauf warten, dass Hund und Katzen mit „verklettetem Fell“ nach Hause kommen. Ich werde die reifen Früchte vorsichtig abnehmen und im Garten an passenden Stellen verteilen. So freue mich dann im nächsten Jahr auf viele neue Klettpflänzchen, denn letztlich sind die Blüten eine wichtige Bienenweide, von denen man niemals genug haben kann.

Cristine Bendix