Die Mistel – eine mystische Pflanze

 

Schon seit meiner Kindheit haben mich die merkwürdigen runden Pflanzen in manchen Bäumen fasziniert, was sicherlich auch daran lag, dass mein Opa sie „Hexenbesen“ nannte. Er erklärte mir außerdem, dass diese Pflanze über ganz besondere Kräfte verfüge, was schon seit Jahrtausenden bekannt sei und dass sie bei Vollmond mit einer goldenen Sichel geschnitten, magische - wenn nicht gar Zauberkräfte entwickelt.

 

Umso größer war meine Freude, als ich bei der ersten Begehung unseres neu erworbenen Hofes in Gaupel einen dicken Ball der Mistel in einem alten Apfelbaum fand, so nah, dass ich sie genauer untersuchen konnte.

 

Es handelt sich bei Viscum album um einen Halbschmarotzer, der einerseits Wasser und Nährstoffe über einen bis an die Leitungsbahnen des Wirtsbaumes gebohrten Absenker bezieht, andererseits über seine immergrünen, ledrigen Blätter Fotosynthese betreibt. So an den Wirt geheftet (oder am Wirt haftend), wächst die  giftige Pflanze sehr langsam und schädigt nur sehr alte oder schon kranke Bäume.

 

Weil die Menschen sich nie vorstellen konnten, wie die Mistel in die Bäume kommt, ging man davon aus, dass Gott die Samen in die Bäume fallen ließ. Und so erklärt sich auch, dass man der Pflanze lange Zeit heilende Wirkungen gegen die verschiedensten Krankheiten zusprach. Tatsächlich finden wir die Extrakte auch heute in einigen Präparaten, die die Immunabwehr steigern sollen.

 

Und wie nun kommt die Pflanze auf unsere Bäume? Dafür braucht es Vögel, die die weißen Beeren im Winter gern als Futter nutzen. Sie scheiden dann die Samen wieder aus, was auch den Namen Mist-el erklärt. Gelangt der Samen mit der klebrigen Hülle auf den geeigneten Baum, treibt sehr langsam über Jahre eine neue kleine Mistel aus.

 

Letzte Woche sah ich in unserem Obstgarten eine mir bisher unbekannte Vogelart. Dass es sich um eine Drossel handeln musste, war klar – aber welche Art sollte das sein? Ihr Bauch war so hell und der ganze Vogel größer und schlanker, als die mir bekannten Drosseln. Ich schlug nach und was fand ich? - Mehrere Paare der Misteldrossel hatten sich zu meiner Freude bei uns eingefunden. Nun hoffe ich auf Mistelnachwuchs in den nächsten Jahren auf unseren vielen neu gepflanzten Obstbäumen, damit ich mich auch in Zukunft wohlig gruseln kann an den Hexenbesen.

Oder aber ich nutze die Büsche für einen besonders innigen Kuss unter dem Mistelzweig. Der soll auch alte Liebe sehr beflügeln.

 

 

Hinweis: Die Mistel kommt bei uns im Kreis Coesfeld nur sehr selten vor. Einige Mistelbestände gibt es im Süden und im Westen des Kreises Coesfeld. Im Norden sind uns nur das Vorkommen bei Cristine Bendix, ein Vorkommen an der Straße von Billerbeck in Richtung Rorup und eines in Nottuln bekannt. Daher würden wir uns sehr über Informationen weiterer Mistelbestände freuen. Einfach Email an info@artenvielfalt-coesfeld.de.