Pflanze des Monats Juli 2017

Für wen werden nachts Kerzen angezündet?

 

Wer wird wohl noch zu so später Stunde erwartet, um Nektar zu trinken? Wenn es Insekten sind, so müssen Ihre Rüssel länger als 4 Zentimeter sein. Denn genau vier Zentimeter ist der Blütenbecher der gemeinen Nachtkerze (Oenothera biennis) tief, in den der Rüssel eingetaucht werden muss, um an den Nektar zu gelangen. Welche langrüsseligen Besucher könnten das wohl sein?

 

Es gibt sie, Schmetterlinge, die Ihre Rüssel wie eine Spiralfeder aus- und wieder einrollen können und die nachts unterwegs sind. Es sind Nachtfalter aus der Familie der Schwärmer, z.B. der mittlere Weinschwärmer, die in Mitteleuropa häufigste Schwärmerart. Dazu gehört auch das Taubenschwänzchen, der Kolibri, der ein Schmetterling ist.

 

Ich habe ihn einmal beobachtet, wie er vor meinen Nachtkerzen im Schwirrflug vor den Blüten steht, seinen Rüssel ausrollt um dann in einer Blüte Nektar zu saugen. Damit geht er seinen Konkurrenten, die tagsüber unterwegs sind, elegant aus dem Weg. Vielleicht ist das auch der Grund, warum das Taubenschwänzchen hierzulande häufiger wird.

 

Also für ihn und die anderen Schwärmer werden die Nachtkerzen angezündet!

 

Das Öffnen der Blüten geschieht abends in der Dämmerung innerhalb weniger Minuten in fließender Bewegung. Ist die Zeit reif, stelle ich mich vor eine Gruppe Nachtkerzen und kann dabei zusehen, wie eine Blüte nach der anderen aufgeht, manche auch gleichzeitig. Eine faszinierende Darbietung! Bei keiner anderen bei uns vorkommenden Pflanze öffnet sich die Blüte derart schnell.

 

Genauso schnell wie sie aufblüht ist sie auch schon wieder verblüht: bei Sonnenschein ist das spätestens bis zur Mittagszeit der Fall. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn an jedem Trieb wiederholt sich das Schauspiel der Blütenöffnung allabendlich mit 3 bis 4 Blüten. Die Kerzen blühen von Anfang Juni bis zum ersten Frost.

 

Die gemeine Nachtkerze kommt ursprünglich aus Nordamerika und wurde ab 1920 als Zierpflanze in vielen Gegenden in Europa angebaut. Von dort ist sie ausgewildert und hat dabei nicht nur unseren ganzen Kontinent besiedelt, sondern wird von vielen Menschen mittlerweile als einheimische Art wahrgenommen, dabei ist sie ein eingebürgerter Neophyt. Interessant ist ihre flächendeckende Ausbreitung als „Eisenbahnpflanze“ entlang der neu angelegten Eisenbahntrassen im 19. Jahrhundert, denn die Nachtkerze liebt Ruderalflächen wie Wegränder, Kies und Sandgruben.

 

Die Wurzel ist essbar und wird, da sie sich beim Kochen rötlich verfärbt, „Schinkenwurz“ genannt. Sie kann dann wie Schwarzwurzeln zubereitet werden. Gräbt man die Wurzel aus, so macht sich ein schwacher Weingeruch bemerkbar. Damit wären wir bei „Oinotheris“, dem Weinduft, im ersten Namensteil. Die Pflanze ist zweijährig, worauf der zweite Teil des Namens biennis hindeutet.

 

Wird im April ausgesät, so bildet die Pflanze eine Blattrosette und die zarte Wurzel kann im Herbst geerntet werden. Danach wird die Wurzel zäh und ist nicht mehr genießbar. Sie überwintert und beschert uns dafür im nächsten Jahr eine fantastische Blütenpracht.

 

Aus den Samen wird das wertvolle Nachtkerzenöl gewonnen, welches in der Naturheilkunde vielfältige Verwendung findet. Es ist in vielen Kosmetikartikeln als Bestandteil enthalten. Ich beobachte im Herbst, wie beliebt die Samen besonders bei den Blaumeisen sind, die im Herbst die klitzekleinen ölhaltigen Früchte aus den Samenständen picken.

 

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen einmal ganz bewusst mit der Nachtkerze Bekanntschaft schließen. Einfach anhalten, wenn man eine Nachtkerze sieht. Innehalten, wenn man sie betrachtet und wenn es abends dämmert, abwarten bis sich die Blüten öffnen.

 

Dazu muss man der Nachtkerze allerdings Raum lassen und darf Hochstaudenfluren im Sommer oder Herbst nicht komplett mähen. Damit entzieht man unseren Insekten und damit auch den Vögeln die Nahrungsgrundlage. Im heimischen Garten lässt sich die Nachtkerze wunderbar studieren. Warum nicht einfach einmal aussäen. Bestimmt werden im nächsten Jahr die Kerzen angezündet. Für wen?

 

 

 

Dr. Detlev Kröger, Arbeitskreis Artenvielfalt, NABU Kreisverband  Coesfeld e.V.