Der Stinkende Storchschnabel

 

In unserem Garten fand ich in einem alten Sandkasten eine Wildpflanze. „Was mache ich bloß  damit?“ fragte ich mich und schaute sie mir genauer an. Er handelte sich um den Stinkenden Storchschnabel (Geranium robertianum).

Dieses auch Ruprechtskraut genannte Gewächs besticht weder durch üppige Blütenpracht, noch durch voluminöses Blattgrün. Nicht einmal mit einem betörenden Duft kann dieses Pflänzchen die Gunst des Gärtners gewinnen, im Gegenteil: Der würzig-herbe Geruch wird durch ätherische Öle hervorgerufen und eher als Gestank empfunden. Man munkelt sogar, dass der Naturforscher Carl von Linné diesem Geraniengewächs den Namen „Robert“ verliehen hat, um sich damit über einen unsympathischen Bekannten namens Robert lustig zu machen. Ob es stimmt? 

Eine andere Namensherleitung besagt, dass der heilige Ruprecht, erster Bischof von Salzburg, sich mit der Heilwirkung des Krautes befasst hat.

Und warum Storchschnabel? Die Samen entstehen in einer sich lang und spitz herausbildenden Kapsel, die an einen Storchenschnabel erinnert. Damit gelingt es der Pflanze, die reifen Samen mehrere Meter weit zu schleudern.

Ingenieure könnten sich vom etwa 50 cm großen Stinkenden Storchschnabel inspirieren lassen: Durch eine Art Gelenk können die Blätter je nach Bedarf zum Licht ausgerichtet werden. Davon braucht die Pflanze nicht viel – schon ein Vierzigstel der gesamten Lichtmenge reicht zum Leben. So verwundert es nicht, dass wir sie häufig in den schattigen Wäldern des Kreises Coesfeld antreffen. In der prallen Sonne kann sie erstaunlicherweise auch gedeihen, dann wendet sie einen besonderen Trick an: Sie entwickelt eine dekorative dunkelrote Färbung an Stängeln und Blättern. Für dieses Phänomen sind Lichtschutzpigmente verantwortlich! Einen Sonnenbrand muss sie also nicht erleiden.

Doch beim Stinkenden Storchschnabel hat die Natur noch weiter in der Farbpalette gemischt: Die Blüten leuchten von April bis in den Herbst wunderschön pink, wirken jedoch mit ihrer dezenten Größe nicht aufdringlich. Sie können durch Insekten oder den Wind bestäubt werden. Wenn Sie  den „Robert“ bei einem Waldspaziergang entdecken, können Sie selbst herausfinden ob er würzig riecht oder unangenehm stinkt: Zerreiben Sie einfach ein Blatt zwischen den Fingern und lassen Sie ihre Nase entscheiden.

 

Im Garten haben wir viele Storchschnabel-Arten, denn als Zierpflanzen gibt es zahlreiche farb- und formenreiche Varianten, die recht anspruchslos als mehrjährige Stauden gedeihen. Das ein- bis zweijährige heimische Pflänzchen aus dem Sandkasten habe ich nicht entsorgt: Mit den pinken Blüten darf es künftig seiner Storchschnabel-Verwandtschaft im Garten Gesellschaft leisten und uns bis in den Herbst mit der roten Blattfarbe beeindrucken. Ich habe es nämlich an eine sonnige Stelle gepflanzt. Und im nächsten Jahr sehen wir, wie weit es seine Samen geschleudert hat.

 

 

Ineke Webermann, Ottmarsbocholt