Wiesen-Kerbel (Anthriscus sylvestris)

 

Das Frühjahr schreitet voran in Richtung Sommer und der Wuchs der mir so am Herzen liegenden Wildpflanzen ist nicht mehr aufzuhalten. Auf unserer Weide und an vielen Wegrändern und Gräben wiegen sich zahlreiche feine weiße Blütchen im Frühlingswind, die sich zu großen weißen Dolden zusammenfinden. Sehr schnell wuchsen sie seit Ostern empor, entfalteten sich und leuchten uns jetzt rechts und links am Straßenrand den Weg. Für viele Menschen ist die Pflanze ein vertrauter Anblick, doch längst nicht jeder kennt ihren Namen.

 

Das häufige Wildkraut heißt Wiesen-Kerbel. Betrachtet man es aus der Nähe, erinnern die einzelnen Blütchen an überdimensionale Schneeflöckchen am Stiel. Davon gibt es an jeder Pflanze unzählige, deren Stiele sich zu mehreren treffen und dann wie ein kleiner Strauß aussehen. Der Strauß sitzt auf einem einzelnen Stängel. Eine solche Blütenanordnung nennt sich Dolde. Der Aufbau der gesamten Pflanze wirkt, als würde er einem ausgeklügelten geometrischen Bauplan folgen. Die Blätter sind zwei- bis dreifach gefiedert und erinnern an Farn. Die Blütendolden sind an seitlich schräg vom Stängel abstehenden Verzweigungen ausgerichtet, so dass sie sehr viel Raum einnehmen und sich gegenseitig nicht beschatten. Neben anderen wichtigen Saumpflanzen spendet auch Wiesen-Kerbel für die Insekten Nektar. Daher sollten Straßenränder nicht zu früh gemäht oder gar gemulcht werden.

Wiesen-Kerbel gedeiht auf stickstoffreichen, gut gedüngten Böden und so verwundert es nicht, dass er im landwirtschaftlich geprägten Kreis Coesfeld allgegenwärtig ist. Botanisch gesehen zählt er zur Familie der Doldenblütler und hat einige sehr ähnliche Verwandte, die zu einem Teil stark giftig sind, zum anderen Teil jedoch zu unserem regelmäßigen Speiseplan gehören. Glauben sie nicht, dass sie oft Doldenblütler auf dem Teller haben? Dann denken Sie einmal an Karotten. Auch sie bilden Blütendolden aus. Und wie die Karotte hat auch der Wiesen-Kerbel eine Art Rübe unter der Erde, die ihm erlaubt, im April oder Mai richtig mit dem Wuchs durchzustarten und bis 1,50 m Wuchshöhe zu erreichen. Petersilie, Kümmel, Anis, Dill und Fenchel zählen ebenfalls zu den Doldenblütlern. Sie alle haben ein würzig-kräftiges Aroma und finden Anwendung in der Küche.

Wer den Wiesen-Kerbel zu Speisezwecken sammeln möchte, sollte sich ganz genau mit seinen Merkmalen vertraut machen damit es nicht zu Verwechselungen mit z.B. dem hochgiftigen gefleckten Schierling kommt. Wenn Sie den Wiesen-Kerbel also sicher identifizieren und ernten, dann erschließen Sie sich mit einer leckeren, herb-würzigen Frühlingssuppe oder einem Wildkräuter-Smoothie neue Geschmackswelten.

 

Ein Tipp für Einsteiger und Bestimmungsmuffel: Fangen Sie mit Giersch an! Fragen Sie einen Menschen mit einem naturnahen Garten, ob Sie dort Giersch ernten dürfen. Er wird Sie bereitwillig zu diesem ausdauernden und vielseitig verwendbaren Doldenblütler führen und sich freuen, wenn Sie diesen mitnehmen. Sie dürfen bestimmt wiederkommen, denn Giersch wächst immer wieder nach – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...!

 

 

Ineke Webermann, Ottmarsbocholt